Wer solche Freunde hat …

Sonntag, 25. September 2011 von Lukas

Die gute Nachricht zuerst: Den OP-Kittel, den er beim Eurovision Song Contest trug, hat Sänger Tim Schou heute zuhause gelassen. Dass er im Laufe des Abends trotzdem seinen Oberkörper entblößen sollte, ließ sich trotzdem nicht verhindern.

Im Mai hatten A Friend In London vor 38.000 Zuschauern in der Düsseldorfer Arena und 125 Millionen an den Fernsehgeräten gespielt, jetzt sind vielleicht 200 Leute hier. Sie spielen ein einziges Europakonzert, ausgerechnet in Bochum. Vermutlich eine verlorene Wette oder so. In den ersten Reihen stehen kleine Mädchen (die aber dann doch überwiegend volljährig sind, wie sich an der Theke herausstellt) und machen schon lange vor Konzertbeginn Stimmung, als wären sie sehr viel mehr. Immer wieder singen sie den Refrain von „New Tomorrow“, jenem ESC-Beitrag, von dem ich vor dem Finale gesagt hatte, dass wir ihn doof finden, der sich in den Wochen nach dem Grand Prix dann aber doch ein Stück weit in mein Herz und Hirn gefressen hatte — zu meinem eigenen Entsetzen. Einige Mädchen haben auch Pappbuchstaben mitgebracht, mit denen sie die offizielle Abkürzung von A Friend In London, AFIL, nachstellen wollen. Leider haben sie sich zunächst falsch positioniert und jetzt steht da „FAIL“. Wenn das mal kein schlechtes Omen ist.

Vorband gibt’s keine, um 22 Uhr muss hier der Disco-Betrieb anlaufen. Die Versuche der Fans, die Band auf die Bühne zu kreischen, sind aber erst mal auch nicht von Erfolg gekrönt. Gegen Viertel nach Acht kommen die vier Dänen dann raus — und stimmen erst mal noch ihre Instrumente. Den Auftakt hätte ich mir nach Düsseldorf dann doch bombastischer vorgestellt.

Doch dann legen sie los und über mangelnden Bombast kann sich hier wirklich niemand mehr beklagen: Jedes Lied hat langgezogene „Ooooh, ooooh“-Chöre. Jedes Lied erinnert ein bisschen an Muse, ein bisschen an My Chemical Romance und viel an Snow Patrol. Letztlich: Jede Lied klingt wie das vorherige. Immerhin werden die Lyrics live nicht eingeblendet:

Doch den Fans gefällt’s und darum geht es ja letztlich. Sie sind zum Teil aus Frankreich und Österreich angereist oder gleich aus Dänemark mitgekommen und wenn durchschnittliche Rockmusik mit einem latent größenwahnsinnigen Frontmann das ist, weswegen sie hier sind, dann werden ihre Erwartungen voll erfüllt. Meine ja auch.

Das folgende Lied habe er um drei Uhr morgens geschrieben, als seine Ex-Freundin ihn verlassen habe, erzählt Tim Schou, und wenn die Frau sich bis dahin nicht sicher gewesen war, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte, dürfte sie es jetzt sein. Schou trägt ein T-Shirt seiner eigenen Band (was außer Billy Corgan natürlich niemand darf), bietet aber an, sich umzuziehen und das Shirt ins mittlerweile ekstatische Publikum zu werfen. Dafür müssten die Menschen, die auf der großen Sitztreppe hocken (also Eltern und wir Pressevertreter), nur mal eben aufstehen. Weil die Spotlights schon einige Male unschön in unsere Richtung geleuchtet hatten und wir nicht den Unmut der Fanninen auf uns ziehen wollen, erheben wir uns also für einen Moment und dann ist es auch schon zu spät und der Mann hat den Oberkörper freigemacht, wie der Arzt sagt. Er nimmt das T-Shirt in die Hand, holt theatralisch weit aus und wirft es — direkt in die Lichttraverse oberhalb der Bühne. Das T-Shirt bleibt hängen und wird sich womöglich in ein paar Jahren an einem der Scheinwerfer entzünden. Die Fans sind enttäuscht und der Sänger sagt: „Sometimes I am really stupid.“ „Sometimes“, murmelt die Kollegin von der „WAZ“ neben mir, „zum Beispiel beim Songschreiben“.

Irgendwann, überraschender- und sympathischerweise nicht als Zugabe, kommt dann endlich das Lied, mit dem die Band beim Eurovision Song Contest Fünfte geworden sind, wie sie noch einmal betonen. „New Tomorrow“, ausgewalzt auf gefühlte 15 Minuten und eingebettet in ein Medley aus Songs mit der gleichen Akkordfolge: „Welcome To The Black Parade“ von My Chemical Romance, „Firework“ von Katy Perry, „Baby“ von Justin Bieber und „Let It Be“ von den Beatles. Es muss das Oslo-Syndrom sein, aber ich singe das ganze verdammte Lied mit. Gut, dass mich hier in meiner Heimatstadt niemand kennt.

Bevor die Band zum Schluss noch mal alles gibt und pünktlich zum Beginn der Disco um Zehn endet, wird der Sänger noch mit der Videokamera in der Hand ins Publikum springen und mehrfach seine Mitstreiter vorstellen, die wie er selbst wie frisch aus dem H&M-Katalog entsprungen wirken. Die Ausdauer, mit der die Vier hier vor einer Jugendzentrumszuschauermenge Stadionrock praktizieren, ist schon bewundernswert.

Flattr this!  

Eine Antwort zu “Wer solche Freunde hat …”

  1. onlime sagt:

    „Wir Pressevertreter“???
    Da waren ernsthafte mehrere Leute von der Presse anwesend? Etwa noch mehr Leute als Lukas und die Dame von der WAZ?
    Und es gibt tatsächlich Publikationen, die Berichte über solch ein Ereignis dann auch veröffentlichen?

Hinterlasse eine Antwort

eMail-Benachrichtigung bei weiteren Kommentaren.
Auch möglich: Abo ohne Kommentar.